Atomkraft ist nicht gleich Atomkraft

Ich hatte mich mit dem Thema Atomkraft hier bereits vor fast einem Jahr beschäftigt. Seitdem hat sich meine Meinung zu dem Thema jedoch ein wenig gewandet.

Hört man in Deutschland „Atomkraft“, denken die Meisten direkt an unsichere, höchst instabile Kernkraftwerke, die jederzeit ganze Landstriche für Jahrzehnte unbewohnbar machen können. Die Atomkraftgegner argumentieren, dass die Technik zu gefährlich, nicht kontrollierbar, die Kosten nicht kalkulierbar und das Endlagerungsproblem nicht lösbar sei.

 

Und zu einem gewissen Teil haben sie auch recht. Es ist richtig, dass bei den in Deutschland überwiegend existierenden Kernkraftwerken, welche vor allem Siede- und Druckwasserreaktoren sind, immer das gewisse Risiko einer Kernschmelze besteht, einige Überholungsbedürftig sind und sie eine Menge radioaktiven Abfall produzieren.

 

Sich gegen diese Technik auszusprechen, ist also vollkommen legitim. Falsch ist es hingegen, die Atomkraft an sich zu verteufeln, wie es die Medien und viele Atomkraft-Gegner in den letzten Monaten getan haben. Viele haben in der Diskussion um die Atomkraft in Deutschland nicht erkannt, dass es viele unterschiedliche Techniken zur Nutzung der Atomkraft gibt, die sich teilweise deutlich unterscheiden. Stattdessen hat man die Atomkraft allgemein zum Todfeind erklärt.

 

Jeder Reaktortyp hat eins gemeinsam: Die Umwandlung von Masse in Energie. Diese Art der Energiegewinnung ist an sich eine phantastische Idee, da es keinen effektiveren Weg gibt, Energie zu erzeugen. Die Frage ist nur, wie man diese Umwandlung angeht.

 

Die allgemeine Anti-Atomstimmung in Deutschland hat jedoch nun zur Folge, dass in diesem Bereich in Deutschland nicht weiter geforscht wird, sei es aufgrund des öffentlichen Druckes oder aufgrund des Fehlens von Fördermitteln. Dies bedeutet aber auch, dass Deutschland sich nicht mehr an der Forschung von alternativen Reaktorkonzepten beteiligt.

 

Eines dieser alternativen Konzepte ist der Flüssigsalzreaktor, auch molten salt reactor genannt. Auch hier findet die Spaltung von Atomen statt, aber nach einem anderen Verfahren. Ich möchte hier jetzt nicht das Verfahren genau erklären, dafür habe ich auf den entsprechenden Wikipedia-Artikel verlinkt.

 

Aber ich möchte auf die Vorteile dieses Reaktortyps eingehen. Zunächst einmal setzt dieser Reaktor auf eine andere Zerfallskette zur Energiegewinnung, welche mit dem Element Thorium beginnt. Dieses kommt wesentlich häufiger als Uran vor und ist in seiner natürlichen Form nicht radioaktiv. Ein weiterer Vorteil ist, dass der Brennstoff zu 98% verbrannt wird. Bei der Kernspaltung mit Uran beträgt dieser Anteil nur 2-5%. Da mehr Material verbrannt wird, wird dementsprechend auch mehr Energie gewonnen. Für dieselbe Energiemenge bräuchte man also deutlich weniger Thorium als Uran. Dies bedeutet auch, dass im Flüssigsalzreaktor deutlich weniger Abfallprodukte entstehen, welche zudem auch nach ca. 300 Jahren ungefährlich sind. Dies ist eine deutliche Verbesserung gegenüber den bestehenden AKWs und eine Lagerung für 300 Jahre wäre absolut machbar. Auch ist es möglich, dem Reaktor bestehenden Atommüll zuzuführen, welcher dann weiter aufgespalten und somit „verbrannt“ wird.

Der wohl größte Vorteil dieses Reaktortyps ist aber wohl, dass aufgrund seiner Funktionsweise und Konstruktion keine Kernschmelze stattfinden kann. Sollten Systeme ausfallen, z.B. ein Kühlkreislauf, erlischt die Reaktion. Im Gegensatz zu bestehenden Kraftwerken ist die Kühlung folglich nötig, damit die Reaktion überhaupt stattfinden kann.

 

Das Konzept für diesen Reaktor besteht schon seit den 60iger Jahren, wurde seit dem aber, obwohl damals schon ein Testreaktor gebaut wurde, nicht weiter erforscht, da man sich für die Zerfallskette mit Uran entschied. Diese Entscheidung war damals leicht nachzuvollziehen: Bei der Nutzung von Uran als Energielieferant ließ sich leichter nebenbei waffenfähiges Material erzeugen, ein entscheidender Punkt im kalten Krieg, welcher heute jedoch eher negativ als positiv betrachtet wird.

 

Da man das Konzept damals nicht weiter führte, sind heute weitere Forschungen nötig, um einen kommerziell betreibbaren Reaktor herstellen zu können.

 

Der Flüssigsalzreaktor hebt alle Kritikpunkte der Atomkraftgegner größten Teils auf. Jedoch sind zu viele Atomkraftgegner in ihrem Glauben gefangen, Atomkraft sei in jeder ihrer Form böse, die meisten Gegner sind nicht genug über die Funktionsweisen der Energiegewinnung aus Kernspaltung informiert. Dies ist sehr hinderlich. Denn durch die Nichtbeteiligung an Forschungen zu diesem Reaktortyp entgeht Deutschland eine viel versprechende Technik.

 

Seit einiger Zeit ist auch ein englischsprachiger Dokumentarfilm zu diesem Reaktortyp in Arbeit. Mit etwas Glück erscheint er noch dieses Jahr.

 

 

Kommentare: 3 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Henry (Montag, 12 März 2012 23:06)

    Schöner Artikel! Ich kannte diesen Reaktortyp bisher noch nicht. (Mir war ohnehin nie klar, dass es innerhalb der Atomkraft alternative und vor allem riskoärmere Zugänge gibt.)
    Aber es muss dabei doch diesen einen, großen Nachteil geben, sonst wäre an ihm doch schon in dem Zeitraum zwischen dem Kalten Krieg (sprich: Mitte der 1990er) und der totalen Abkehr von der Atomkraft (sprich: 2011) weiter geforscht worden, oder?

  • #2

    shortcircuitsoftware (Dienstag, 13 März 2012 00:10)

    Der "Nachteil" ist halt, dass dieser Reaktortyp ein Umdenken in der Atomenergie-Industrie erfordert. Durch die Umstellung auf einen anderen Brennstoffkreislauf fallen natürlich bestimmte Industriezweige weg, wie z.B die die Förderung von Uran, die Herstellung der Brennstäbe und dessen Wiederaufbereitung.

    Es war für die Atomenergie-Industrie bisher viel bequemer und einfacher, weiterhin auf die bestehende Technologie zu setzen, erst die öffentliche Kritik zwingt sie jetzt, andere Konzepte zu erforschen.

    Momentan sind Frankreich und Euratom mit der Forschung an diesem Konzept beschäftigt. Man will bis 2030 erste einsatzfähige Reaktoren herstellen können. http://de.wikipedia.org/wiki/Generation_IV_International_Forum

  • #3

    Quentin Quencher (Freitag, 16 März 2012 22:24)

    Im Bürgerdialog der Bundeskanzlerin wird der Thoriumflüssigsalzreaktor auch vorgestellt, hier kann man auch dafür abstimmen, ob diese Technik in Deutschland eine Zukunft haben soll:
    https://www.dialog-ueber-deutschland.de/DE/20-Vorschlaege/20-Wovon-Leben/Einzelansicht/vorschlaege_einzelansicht_node.html?cms_idIdea=3063

    Eine recht gute ausführliche Beschreibung ist auf NovoArgumente zu finden:
    http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/0001056

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